| (c) FOCUS,
2000 (Mit freundlicher Genehmigung des Verlags;
Weiterverbreitung nur mit dessen Zustimmung)
"Er
lebt Jahre in der Zukunft"
Seine Computervisionen machten Andreas von Bechtolsheim
zum Milliardär - und zum Star des Silicon Valley
Liebe
Familie!«, schreibt der 26-jährige Andreas, der an der renommierten Stanford
University studiert. »Meine Firma wurde am 16. Mai eingetragen.« Weiter
berichtet der Elitestudent seinen Eltern in Nonnenhorn am Bodensee: »Das erste
Ziel dieser Firma ist, eine Entwicklung zu fertigen, an der hauptsächlich ich
selbst über das letzte Jahr an der Universität gearbeitet habe. Diese
Entwicklung ist eine ´graphic work station`, ein kleiner Computer mit einem
Fernsehbildschirm, auf dem man beliebige Muster darstellen kann wie Buchstaben
und Zeichnungen.« Optimistisch setzt er hinzu: »Die Idee einer kleinen Firma
gefällt mir immer besser, um einen Lebensunterhalt zu verdienen.«
Kaum fünf Jahre, nachdem Andreas diesen Brief abgeschickt hat, ist sein
Lebensunterhalt für die nächsten Jahrtausende gesichert: 1987 macht die »kleine
Firma« mit dem Namen Sun Microsystems bereits über eine Milliarde Dollar
Umsatz. Heute ist Sun längst in den Top Ten der weltgrößten
Computerhersteller - und Mitbegründer Andreas von Bechtolsheim, der am letzten
Donnerstag 44 Jahre alt wurde, gilt als »eines der vorzüglichsten
Techniktalente des Silicon Valley«, so die örtliche Tageszeitung »San Jose
Mercury News«. Auch das Internet-Zentralorgan »Wired« hält ihn für »einen
der angesehensten Ingenieure des Geschäfts«.
»Wo bleibt Andy?« Paul Lippe steht auf der Veranda des noblen »Sonoma
Mission Inn & Spa Golf Club« im kalifornischen »Weinland« nördlich von
San Fancisco. Er blinzelt, trotzig Ausschau haltend, in die sengende Sonne und
sieht doch nur seine geplante große Vorstellung zusammenschrumpeln wie eine
kalifornische Rosine. Lippe ist Marketingchef bei Synopsys, einer führenden
Firma für Chipdesign-Software, die fast alle Größen der Halbleiter-Welt hat
einfliegen lassen. » Wir haben hier nur Aufsichtsratsmitglieder und
-vorsitzende«, raunt eine Synopsys-Mitarbeiterin. Die sitzen nun alle in der
Club-Lounge und freuen sich auf den Stargast des exklusiven Programms - doch
Andreas von Bechtolsheim, im »Valley« nur »Andy« genannt, ist seit Stunden
überfällig. Schließlich, wenige Minuten vor Vortragsbeginn, sieht Paul Lippe
seine Zugnummer doch noch die Auffahrt des Clubs hinaufrollen.
Der einsneunzig große, schlaksige Mann mit nach vorn hängenden Schultern
und zerzaustem Haar quält sich aus einem kleinen Mietwagen: »Sorry, ich hatte
meine Autoschlüssel verlegt.« Er zeigt ein jungenhaftes, entschuldigendes Lächeln.
» Den ganzen Morgen habe ich damit verbracht, die Schließanlage meines Porsche
zu reprogrammieren«, seufzt er. Doch irgendwie wollte es dem Computergenie
nicht gelingen, die dafür nötigen Programmschritte richtig auszuführen.
Bechtolsheims grauer Anzug und die geschmacklose Krawatte signalisieren
deutlich, dass ihr Besitzer sie hasst: Meist trägt er, ganz wie sein Vater,
Birkenstock und Pulli oder T-Shirt. Nur die Anwesenheit japanischer Geschäftsleute
diszipliniert ihn mitunter zur Bürouniform. Mit staksigem Eilschritt stürzt
Bechtolsheim jetzt in die Lounge, um vor den hundert anwesenden Topmanagern
seine Visionen von der Zukunft der Chipindustrie auszubreiten.
Diese Visionen katapultierten Sun in den frühen 80er-Jahren nicht nur an die
Spitze des Marktes für so genannte Workstations: günstige
Hochleistungscomputer für den Schreibtisch, die sich auch noch vernetzen ließen
und den althergebrachten Großrechnern damit bald den Rang abliefen. Seine
Ur-Workstation hatte Stanford-Student Bechtolsheim einst mit Teilen aus dem
Elektroniksupermarkt zusammengesteckt, weil beim Zentralcomputer der Universität
so schwer Rechenzeit zu bekommen war. Mitte der 90er-Jahre dann spülten seine
frühen Grundideen rund um vernetzbare Computersysteme Sun sogar in die
Schaumkrone der gerade anbrandenden Internet-Welle.
Doch Andreas von Bechtolsheim langweilte sich in seinem selbstgeschaffenen
Ingenieurs-Olymp. 1995 verließ er Sun als Dollarmilliardär und gründete
wieder so eine »kleine Firma« - genau wie ehedem auch Sun mit fünf Millionen
Startkapital. Doch das Jungunternehmen Granite Systems konnte gerade ein Jahr
lang ultraschnelle Schaltchips für Internet-Verbindungen entwickeln. Dann bekam
der marktbeherrschende Netzwerkgigant Cisco, mit dessen Basistechnik bereits 90
Prozent des Online-Nervensystems verschaltet sind, kalte Füße. Cisco kaufte
die kleine Datenwerkstatt mitsamt Meister für horrende 220 Millionen Dollar. So
tüftelt Bechtolsheim heute bei den Netz-Neurologen in San Jose als »Vice
President of Engineering« an schnelleren Internet-Synapsen.
Auch Bechtolsheims Gehirn scheint besonders effektiv verschaltet. Die
Chip-Chefs in der Lounge des Golfclubs jedenfalls können seinem Vortrag an
manchen Stellen kaum folgen, einigen steht vor Konzentration der Mund offen. Das
Englisch des Deutschen klingt, als habe er es ohne Umweg aus einem
Vokabelprogramm direkt ins Gehirn geladen: Es blieb keine Zeit, den Akzent
komplett abzuschleifen - dafür redet er viel schneller als die meisten
Muttersprachler. » Wenn ich nicht jedes Neuron auf ihn konzentriere, kann ich
seinem Redeschwall kaum folgen«, klagt Cisco-Aufsichtsrat Howard Charney. Er
ist die rechte Hand des Konzernchefs John Chambers, der Bechtolsheim zu den »weltweit
drei oder vier wirklich großen Namen unserer Branche« zählt. Doch nicht nur
die Geschwindigkeit, auch der Inhalt von Bechtolsheims Redeüberfällen machte
Howard Charney lange zu schaffen - »bis mir klar wurde, dass Andy von
technischen Phantasien redet, als wären sie längst Wirklichkeit. Er lebt viele
Jahre in der Zukunft.«
Bei Sun war es früher nicht anders: »Andy war seiner Zeit immer um eine
halbe Computerewigkeit voraus«, erinnert sich der ehemalige deutsche
Marketingdirektor Gert Haas, der Bechtolsheim seit den frühen Sun-Tagen kennt.
» Oft ist uns erst Jahre später ein Licht aufgegangen: ,Ach, das hat Andy
damals gemeint!`« Auch die Visionen von den schnellen Schaltern, die
Bechtolsheim und Cisco später viel Geld bringen sollten, wollte bei Sun niemand
verstehen.
»Das Silicon Valley ist wahrscheinlich der einzige Ort, an dem Leute wie ich
sich so richtig verwirklichen können«, meint Bechtolsheim zwei Tage vor seinem
Golfclub-Auftritt, bei einem Gespräch an seinem Arbeitsplatz im »Gebäude H«
- einer von 40 meist tempelartigen Cisco-Bürobatterien, die in San Jose schon
einen eigenen Stadtteil bilden. In seinem zeitkomprimierten englischen Stakkato
entwirft er für den deutschen Besuch jene Traumlandschaft des Tals der Täler,
die ihn bis heute gefangen hält.
»In Deutschland hätten wir nie das Geld für die Gründung von Sun bekommen«,
meint er. Im Silicon Valley brauchten Andreas von Bechtolsheim und seine
Kompagnons - die Stanford-Absolventen Scott McNealy, Vinod Khosla und Bill Joy -
dafür weniger als eine Woche. Inzwischen hat er selbst an die 50 Millionen
Dollar in 20 junge Firmen investiert. » Die Gründer hier«, beobachtet er, »werden
immer jünger - viele sind gerade 18 oder 20. Und das ist ein ideales Alter«,
findet Bechtolsheim. » Denn der wichtigste Vorteil einer neuen Firma ist
Geschwindigkeit. Man arbeitet am besten 80 Stunden die Woche - Urlaub kann man
nehmen, wenn man in Rente geht.«
Der lähmenden deutschen Gemütlichkeit, die er heute manchmal
vermisst, entfloh der leistungswillige Bechtolsheim schon mit 19 Jahren. Da
hatte er bereits »mehr Geld als mein Vater« mit der Konstruktion von
Steuereinheiten für eine Maschinenfabrik verdient und bei »Jugend forscht« im
Fach Physik gewonnen. Nach einem traumatisierenden Münchner Studienjahr ging er
mit einem Stipendium erst nach Pittsburgh, dann nach Stanford. Noch mehr als
zwei Jahrzehnte später treiben ihn die kulturellen Unterschiede zwischen den
USA und Europa um.
»Wirklich einzigartig an der US-Gesellschaft ist«, schwärmt er, »dass sie
wahrhaft offen ist - für Menschen aller Nationen, für neue Ideen, für die
Einsicht, dass die Dinge niemals wieder so sein werden, wie sie waren.« Die
deutschen Gesetze und Geschäftsregeln hingegen erinnern ihn »manchmal an das
mittelalterliche Gildensystem. Sie behindern Initiative und Wandel - in einer
Zeit, in der das Internet alles irrsinnig beschleunigt.« Zwar helfe der »Neue
Markt« der Frankfurter Börse jungen deutschen Firmen sehr. » Doch an echtem
Risikokapital fließt noch immer 20-mal weniger als in den USA - doch die sind
nur dreimal so groß.« Und noch immer kann er nicht fassen, dass er bei seiner
einzigen Investition in eine deutsche Firma dafür auch noch Steuern zahlen
musste: 1992 hatte er 20 Prozent von Star Division erworben, jener Bürosoftware-Schmiede,
die Ende August diesen Jahres von Sun übernommen wurde.
Ob sich die Siedetemperatur des Technologietiegels Silicon Valley in seiner
alten Heimat jemals erreichen lässt, bezweifelt Bechtolsheim: »Das klappt
nicht einmal an anderen Orten in Amerika. Hier im Valley ist es wie vor über
hundert Jahren in Paris mit den Impressionisten: Nur weil viele Maler an einem
Ort miteinander konkurrierten, konnte etwas ganz Außerodentliches entstehen.«
Im »Silizium-Tal«, das längst nicht mehr im Takt der Prozessoren, sondern
im Netbeat des Internet pulsiert, am - so Bechtolsheim - »kapitalistischsten
Ort der Welt«, hat sich für ihn auch »so etwas wie der sozialistische Traum
verwirklicht«: »Alle Mitarbeiter bis hin zur Sekretärin sind hier an den
Firmenneugründungen beteiligt - sie schuften also alle für ihren eigenen
Wohlstand.«
Ob er jemals Angst gehabt habe zu scheitern? » Nein«, antwortet er
bestimmt. » Ich packe nichts an, von dem ich denke, dass es nicht klappt. Es
ist lustig: Manche denken, ich würde mit meinen ambitionierten Zielen Risiken
eingehen. Doch für mich liegt das Risiko darin, jene Chancen, die sich mir
bieten, nicht zu ergreifen.«
Die in sich geschlossene Welt seines Sohnes macht Vater Heinrich von
Bechtolsheim manchmal zu schaffen. Der 74-jährige pensionierte Volksschullehrer
ist tiefgläubig und in Hochform, rast täglich mit dem Fahrrad von Nonnenhorn
nach Lindau zum Gottesdienst und arbeitet für amnesty international. Unter das
erste Babybild von Andreas hat er einst einen Bibelvers ins Fotoalbum
geschrieben: »Des Menschen Sehnsucht geht dahin, ein Ganzes und Vollkommenes zu
erkennen.«
»Bei unserem letzten Besuch«, erzählt er nachdenklich, »habe ich Andreas
gefragt, ob er für das kommende Jahrhundert irgendwelche Probleme sieht - und
er hat einfach ,Nein` gesagt.« Dieselbe Antwort gab sein Sohn vor einiger Zeit
in einem Interview auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube. » Das
war für meinen Mann natürlich der Hammer«, sagt die 71-jährige Mutter
Maria-Theresia.
Eine lange Schlange aus Managern hat sich vor Andreas von Bechtolsheim nach
Ende seines Vortrags im Golfclub aufgereiht. Alle halten sie ihre Visitenkarte
bereit, um Andy ihre Aufwartung zu machen. Zurückhaltend, fast schüchtern
begegnet er den Huldigungen der Chip-Prominenz. Dann hat er die Schlange
abgearbeitet und stakst weit ausholend zum Auto zurück. » Heute heiratet die
Schwester meiner Freundin«, entschuldigt er sich und zeigt wieder sein
jungenhaftes Lächeln.
»Ich will den jetzigen Zustand vielleicht bald ändern«, antwortet er noch
blumig auf die letzte Frage, bevor er losfährt: ob er nicht auch bald eine
Familie gründen wolle. Doch »sein Privatleben«, weiß ein Bekannter, »hat
der Andy nie so richtig auf die Reihe bekommen«. Dafür ist seine Welt
vielleicht zu sehr in sich geschlossen.
Jochen Wegner
|