| bild
der wissenschaft, 1998
Die
Schlüssel-Wissenschaft
fürs
Internet
Im Kommunikationszeitalter wird ein Zweig der Mathematik unentbehrlich,
den lange Zeit vor allem Militärs und Geheimdienste vorantrieben:
Für das zivile Leben im Netz liefert die Kryptologie heute
Briefumschläge, Unterschriften und sogar fälschungssicheres
Geld. Doch auch da wollen die Geheimdienste gerne dabeisein.
Wo der Physiker P. bei seiner Diplomarbeit geschummelt hat, ist
allgemein bekannt. Nun ist er arbeitslos - sein Projektantrag
wurde, wie man weiß, wegen mangelnder Qualität abgelehnt.
Bekannt ist auch, daß P. homosexuell ist und zwei Freunde
hat, die voneinander nichts wissen. Selbst P.s bevorzugte Biermarke
kennen viele, die nie mit P. getrunken haben.
Glücklicherweise hat jener Hacker, der solch intime Details
aus P.s Leben zur Demonstration in der ZDF-Computersendung "Netnite"
verbreitete, den Namen des Physikers nicht genannt: Christian
Carstensen brauchte kaum mehr als eine Stunde, um eine Paßwort-Datei
auf einem Internet-Rechner aufzuspüren, P.s verschlüsseltes
Paßwort zu knacken und die höchst private E-Mail-Korrespondenz
eines ganzen Jahres herunterzuladen. P. hatte seine alten Briefe
nie gelöscht.
Sicher zählt auch der bespitzelte Physiker zu jenen Netznutzern,
die meinen, eigentlich "nichts zu verbergen" zu haben.
Erfahrene Onliner allerdings sehnen sich nach Privatheit in einem
Medium, dessen grundlegende Sicherheitsstandards aus einer Zeit
stammen, als dort ein paar Wissenschaftler vertraut plauschten.
Und spätestens, seit Händler und Banken ihre Geschäfte,
Weltkonzerne ihre interne Organisation und Behörden Bürgerkontakte
übers Internet abwickeln, geht es nicht mehr nur um die Beruhigung
einiger Paranoiker.
Doch Vertrauen ins Netz kann heute nur noch ein Forschungszweig
schaffen, den lange Zeit vor allem Militärs und Geheimdienste
vorantrieben: Alleine die Kryptologie liefert elektronische Briefumschläge,
die keine Macht der Welt außer dem Empfänger öffnen
kann, digitale Unterschriften, die valider sind als alle realen
- und Geld, das nicht einmal die Bundesbank fälschen könnte.
Die uralte Wissenschaft von der Verschlüsselung ist zur Schlüssel-Wissenschaft
des Kommunikationszeitalters geworden. Ausgerechnet Geheimdiensten
und Verbrechensbekämpfern ist Krypto-Technik - in der Hand
von Hinz und Kunz - heute indes ein bißchen zu sicher. So
kommt es, daß sogar deutsche Politiker in der sogenannten
"Krypto-Debatte" spätestens seit letzem Jahr heftig
über die Details abstrakter Mathematik streiten.
"Das größte Risiko im Internet sind immer noch
allzu naheliegende, schlecht oder gar nicht verschlüsselte
Paßwörter", sagt Hacker Christian Carstensen,
der neben seinem Chemiestudium eine Sicherheits-Beratungsfirma
betreibt. Sind sie einfach gewählt und veraltet verschlüsselt,
finden Standard-Programme schnell den passenden Klartext. Schlimmer
noch: Daten, die durchs Netz reisen, werden dank uralter Konventionen
völlig unkodiert von einem Rechner zum anderen weitergereicht,
bis sie beim Empfänger angekommen sind. So wandern nicht
nur sämtliche E-Mails, sondern auch die allermeisten Paßwörter
klar lesbar um die Welt - und lassen sich an jeder Zwischenstation
mitlesen und fälschen.
Die Zahl der Angriffe von Hackern, die solche Schwächen ausnutzen,
wächst mit dem Netz: Das Computer Emergency Response Team
(CERT) des Deutschen Forschungsnetzes, eine Koordinationsstelle
für die Sicherheit im deutschen Internet, verzeichnete im
letzten Jahr weit über 300 Notfälle - mehr als dreimal
so viele wie im Vorjahr. Das US-Pendant verbuchte 1996 schon über
2500. "Im konkreten Einzelfall können nur ein Rechner
oder auch gleich hunderte betroffen sein", sagt CERT-Mitarbeiter
Wolfgang Ley.
Und die Einbrecher stöbern nicht nur in der unverschlüsselten
E-Post arbeitsloser Physiker. Sie stehlen, wie im letzten Jahr
in den USA, hunderttausend unverschlüsselte Kreditkarten-Nummern
oder geheimen, leider unverschlüsselten Programmcode einer
Software-Firma im Wert von vielen hunderttausend Mark. Sie ändern
das Ergebnis eines Krebstests von "negativ" auf "positiv".
Oder sie fälschen eine E-Mail, die dann zur Entlassung eines
mußmaßlichen Kokain-Dealers aus dem Gefängnis
führt. Mit konsequenterem Einsatz von Krypto-Technik ließen
sich solche Schäden oft verhindern.
Die weltbesten Hacker aber, sagen Hacker und Sicherheitsexperten,
sitzen in den technischen Abteilungen der Geheimdienste, die sich
nach Ende des Kalten Krieges ganz neue Betätigungsfelder
erschließen. "Industriespionage ist da ein großes
Problem. Ich bin überzeugt, daß die Auslandskommunikation
zu fast hundert Prozent abgehört wird", sagt Computer-Sicherheitsexperte
und Buchautor Markus Gaulke, der vor allem Banken berät.
Am eifrigsten, auch darüber herrscht Einigkeit, sind die
amerikanischen Dienste zugange: Als sich etwa das Airbus-Konsortium
gegen US-Konkurrenz für einen arabischen Großauftrag
bewarb, soll elektronische Aufklärung für die Verhandlungen
ebenso entscheidend gewesen sein wie ein angeblicher Hack des
Brüsseler EU-Informationssystems für das spätere
Gatt-Handelsabkommen.
Mit mächtigen "Datenstaubsaugern" entreißt
die für Kommunikationstechnik zuständige National Security
Agency (NSA) zentralen Satelliten- und Richtfunkstrecken sowie
großen Telefon- und Internet-Knotenpunkten systematisch
interessante Informationen. Die NSA, in deren Wappen der US-Adler
einen Schlüssel umklammert, gilt als die geheimnisvollste
Geheimdienstbehörde der Welt, ist die weltgrößte
Arbeitgeberin für Mathematiker - und spielt selbst in der
Geschichte der rein zivilen Kryptologie eine zentrale Rolle. Als
es etwa in den 70er Jahren darum ging, den sogenannten Digital
Encryption Standard (DES) festzuschreiben, der noch heute weltweit
verwendet wird, war die NSA mit der Begutachtung des Algorithmus
beauftragt. Nach Meinung mancher Krypto-Chronisten soll sie die
allzu sichere, ursprünglich geplante Schlüssellänge
von 128 Bit auf 56 herabgesetzt haben, um sich nicht für
alle Zukunft den Zugang zu Geheiminformationen zu versperren.
Denn wie bei vielen modernen Krypto-Verfahren ist beim DES für
außenstehende Lauscher der schnellste Weg zur kodierten
Information das stupide Durchprobieren aller nur möglichen
Schlüssel. Deren Anzahl aber wächst mit der Bitlänge
exponentiell, sodaß selbst die Superrechner einer Behörde
mit Milliardenetat, wie die der NSA, bei allzu vielen Bits bis
zum Erlöschen unserer Sonne nicht den richtigen finden.
Im selben Jahr, als der DES festgeschrieben wurde, kam es zu einer
Jahrhundertrevolution in der Kryptlogie. Neue, "asymmetrische
Verfahren" lösten ein klassisches Problem: Wie übermittelt
man den geheimen Schlüssel für kodierte Information,
ohne daß er erlauscht werden kann? Die Antwort: Man übermittelt
gar keinen geheimen Schlüssel. Stattdessen verwendet
man zwei Schlüssel: einen öffentlichen (public key)
und einen geheimen privaten (private key). Im Gegensatz etwa zum
"symmetrischen" Ein-Schlüssel-Verfahren DES werden
die Daten mit dem public key nur kodiert. Dekodieren lassen sie
sich ausschließlich mit dem dazugehörigen Geheimschlüssel,
der die Hand des Empfängers nie verläßt. Am häufigsten
wird heute der - nach den Initialen seiner Entdecker benannte
- "RSA-Algorithmus" eingesetzt.
Man hatte damals nicht nur den perfekten Briefumschlag fürs
Netz gefunden. Mit einer eleganten Umkehrung des Verfahrens konnte
man erstmals auch brauchbare elektronische Unterschriften erzeugen.
So basieren auch die meisten Varianten des neuen,
digitalen Netzgelds auf asymmetrischer Kryptotechnik.
Die Software "Pretty Good Privacy" (PGP) des Amerikaners
Philip R. Zimmermann, die den RSA-Algorithmus Anfang der 90er
Jahre endlich auch "für die Massen" (Zimmermann)
zum Kodieren und Signieren verfügbar machte, war schließlich
auch ein Ausgangspunkt für weitreichenden politischen Streit
um das Wohl und Wehe allzu sicherer Verschlüsselungstechnik:
Als das beliebte Programm via Internet fast wie von selbst in
die Welt verteilt wurde, begann gegen Zimmermann ein Ermittlungsverfahren
wegen "Waffenexports". Laut US-Gesetz galten bereits
symmetrische Krypto-Algorithmen mit Schlüssellängen
über 40 Bit als Kriegsmaterial - in der PGP-Erstversion aber
tickte unter anderem ein selbstgestrickter Algorithmus mit 128
Bit. Erst nach zweieinhalb Jahren wurden die Ermittlungen eingestellt.
Nicht nur Bürgerrechtlern, sondern auch der US-Softwarebranche
sind die Ausfuhrbeschränkungen bis heute ein Dorn im Auge.
Sie kann ihren ausländischen Kunden schwer erklären,
warum diese auf schwach verschlüsselnde Exportversionen zurückgreifen
sollen. Manche lassen ihre Krypto-Algorithmen deshalb lieber im
Ausland oder von Ausländern im Inland stricken, um die Bestimmungen
zu umgehen.
1993 versuchte die Clinton-Regierung, diesen gordischen Knoten
mit einem neuen Industrie-Standard zu durchschlagen: Ein Chip
namens "Clipper" sollte Telefon- und Faxkommunikation,
ein anderer die Datenkommunikation hochsicher verschlüsseln.
Beide waren auch zum Export freigegeben - weil ihre geheimgehaltene
Technik von der NSA entwickelt worden war und das FBI die in den
Chips verborgenen Schlüssel im Ernstfall hätte nachschlagen
können. Doch auch diese, "Key escrow" ("Schlüsselhinterlegung")
genannte Hintertür wurde den Geheimdiensten von Bürgerrechtlern
und Industrie vor der Nase zugeschlagen.
Seither hat die aufgeregte Debatte eher noch an Fahrt gewonnen.
"Kryptografie ist ein großes Problem für die US-Regierung",
sagt die Kryptologin Dorothy Denning, Professorin an der Georgetown
University. Die prominente Befürworterin eines Nachschlüssels
für den Staat hat den internationalen Mißbrauch von
Krypto-Technik in hunderten von Fällen untersucht: "Terroristen
und Kriminelle nutzen vermehrt Verschlüsselung und andere
fortgeschrittene Techniken, um ihre Aktivitäten zu vertuschen.
Nach den vorliegenden Hinweisen wird der Gebrauch dieser Techniken
sich noch ausweiten." Doch auch sie räumt ein: "Es
gibt keine einfache Lösung."
Gleich mehrmals haben die Krypto-Freaks im Internet inzwischen
gezeigt, daß die erlaubten 40-Bit-Schlüssel nicht nur
von der NSA spielend - Experten schätzen im Bruchteil einer
Millisekunde - zu knacken sind. Zuletzt brauchten Studenten, die
brachliegende Rechenzeit ihrer Universität ausnutzten, dafür
dreieinhalb Stunden. RSA Data Security, die Firma der Erfinder
des gleichnamigen Verschlüsselungsverfahrens, hat sogar Kopfgeld
auf Algorithmen ausgesetzt: 10.000 Dollar durfte sich ein Team
abholen, das einen 56-Bit-Schlüssel des DES erjagte. Für
die weitere Hatz wurde gar der "größte Computer
der Welt" verdrahtet: Der Initative "Distributed.Net"
mit tausenden von Teilnehmern fiel bereits die 56-Bit-Variante
eines RSA-eigenen Algorithmus zum Opfer. Nun soll ein 64-Bit-Key
fallen. 90 Bit gelten für die nächsten 20 Jahre noch
als sicher.
Obwohl solche Erfolge sich immer nur auf einzelne Schlüssel
beziehen, zeigen sie doch, wie schnell der wissenschaftliche Fortschritt
"sichere" Standards einholt - Ron Rivest, das "R"
in RSA, lernte das bereits 1994. Damals überreichte man ihm
eine 17 Jahre zuvor von ihm persönlich asymmetrisch verschlüsselte
Botschaft im Klartext: "THE MAGIC WORDS ARE SQUEAMISH OSSIFRAGE".
Ursprünglich hatte das Krypto-Genie damit erst gegen Ende
unseres Universums gerechnet. Doch inzwischen waren neue Angriffsmethoden
für seinen asymmetrischen Algorithmus entdeckt worden.
Auch die US-Regierung hat dazugelernt: Der Export ziviler Kodier-Technik
fällt seit letztem Jahr nicht mehr unter die Bestimmungen
für Rüstungsgüter, sondern wird vom Handelsministerium
geregelt. Zur Zeit sind 56-Bit-Schlüssel genehmigungsfähig,
und Firmen wie RSA, PGP, Netscape oder Microsoft dürfen etwa
an Banken sogar 128-Bit-Software exportieren. Die Krypto-Debatte
hat sich inzwischen in verschiedene Parlamentsgremien verlagert,
wo mehrere Gesetzesentwürfe miteinander konkurrieren. Derweil
streitet sich ein Mathematik-Professor für sein Recht auf
freie Rede durch die Gerichtsinstanzen: Er darf ein zentrales
Ergebnis seiner Forschungsarbeit, die Krypto-Algorithmen in einem
Programm namens "Snuffle", nicht mit ausländischen
Wissenschaftlern und Studenten diskutieren.
Sicher hat auch die konsequente internationale Lobby-Arbeit der
Vereinigten Staaten dazu beigetragen, daß die deutsche Regierung
spätestens seit 1996 konkret über ein eigenes Gesetz
nachdachte: Die USA "wollen uns ihre Kryptografie-Standards
aufdrücken", sagte Bundeswirtschaftsminister Günter
Rexrodt. Im letzten April sprach sich dann Bundesinnenminister
Manfred Kanther erstmals öffentlich für eine Schlüsselhinterlegung
aus. Es bestehe "dringender Handlungsbedarf", um die
legalen Abhörmöglichkeiten zu erhalten. Bereits ein
Vierteljahr später erklärte er jedoch, eine Krypto-Regulierung
stehe zur Zeit nicht an. Zu lautstark war in Deutschland die Opposition
von Wissenschaftlern, Fach- und Wirtschaftsverbänden, Datenschützern,
Telekommunikationsunternehmen - und Kanthers Ministerkollegen.
Auch die OECD hat trotz amerikanischer Bemühungen inzwischen
liberale Richtlinien verabschiedet.
"Jede Krypto-Regulierung zur Verbrechensbekämpfung muß
ihr Ziel schon aus rein technischen Gründen verfehlen",
faßt Andreas Pfitzmann, Informatik-Professor an der Universität
Dresden, die Meinung vieler Experten zusammen. Der Staat könne
gar nicht verhindern, daß selbst bei hinterlegtem Nachschlüssel
ein Lauschangriff ins Leere läuft. Dazu muß in einen
legalen Umschlag einfach ein zweiter ohne Nachschlüssel gesteckt
werden. Was nur dann auffällt, wenn die gesamte verdächtige
Netzkommunikation ständig dekodiert wird - ein hoffnungsloses
Unterfangen. Außerdem lassen sich Nachrichten mit Hilfe
der sogenannten Steganografie unauffindbar in Bildern oder größeren
Texten verstecken, die dann unauffällig versandt werden können.
So würde ein Krypto-Gesetz statt der Kriminellen vor allem
ehrliche Bürger treffen und das Vertrauen in die private
Kommunikation, damit aber auch den deutschen Wirtschaftsstandort
gefährden. Außerdem wäre eine Insellösung
im globalen Netz, wo Krypto-Programme ohne Hintertür überall
erhältlich sind, kaum durchsetzbar.
Inzwischen will der Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss, Internet-Experte
der SPD, erfahren haben, daß auch im Innenministerium nach
amerikanischem Vorbild ein "Clipper-Chip" geplant werde.
Die Hardware mit Hintertür solle für die gesamte Berhödernkommunikation
eingesetzt und so durch eine ökonomische Hintertür auch
zum Industriestandard werden. Tatsächlich hat das Bundesamt
für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), die
geheimdienstnahe ehemalige "Zentralstelle für das Chiffrierwesen",
bei Siemens einen Verschlüsselungschip namens "PLUTO"
mit streng geheimem Innenleben in Auftrag gegeben. Auch ist er
zur Kodierung der Behördenkommunikation gedacht und soll
später eventuell in der Wirtschaft zum Einsatz kommen. Doch
Hans-Peter Weindl, als Siemens-Projektmanager in die PLUTO-Entwicklung
involviert, sagt: "Dieser Baustein hat keine Hintertür,
sondern ist absolut sauber."
Wer heute im Innenministerium nachfragt, bekommt von Wendelin
Bieser die Auskunft: "In dieser Legislaturperiode wird es
keine deutsche Krypto-Regulierung mehr geben." Ein anderes
Krypo-Gesetz, das die Netzkommunikation langfristig revolutionieren
könnte, hat der Mitarbeiter des Referates für die "Sicherheit
in der Informationstechnik" aber schon im letzten Jahr mit
auf den Weg gebracht: Das "Gesetz zur digitalen Signatur"
sagt genau, wann eine elektronische Unterschrift in Deutschland
als sicher gilt. Und das ist komplizierter als der Gesetzgeber
sich hat träumen lassen.
Erzeugen läßt sie sich dank asymmetrischer Algorithmen
wie RSA problemlos. Wer etwa eine E-Mail unterzeichnen will, berechnet
mit sogenannten "Einweg-Hashfunktionen" aus dem Text
eine Prüfzahl. Dank der besonderen Funktionseigenschaften
läßt sich aller Wahrscheinlichkeit nach kein zweiter
Text finden, der dieselbe Zahl ergibt - sie ist so einzigartig
wie das Schriftstück selbst. Die Zahl wird mit dem Privatschlüssel
kodiert und dem Text beigefügt. Der Empfänger kann sie
nur mit dem zugehörigen public key des Absenders wieder dekodieren
und deshalb sicher sein, von wem sie stammt. Ist der Text unterwegs
nicht verändert worden, muß eine erneut berechnete
Prüfzahl mit der alten übereinstimmen.
Als wesentliche Schwachstelle des Verfahrens gilt der Mensch:
Weil niemand mit einem asymmetrischen Schlüsselpaar geboren
wird, muß es seinem Besitzer erst sicher zugeordnet werden.
Sonst könnten Betrüger mit selbst erschaffenen Schein-Identitäen
jonglieren. PGP-Autor Philip Zimmermann erfand deshalb ein "Netz
des Vertrauens", in dem sich Nutzer, die einander persönlich
kennen, gegenseitig ihre Schlüssel signieren. Diese Lösung
war dem deutschen Gesetzgeber freilich zu unsicher.
Stattdessen dürfen nur spezielle Zertifizierungsstellen eine
digitale Identität bescheinigen. Sie müssen Sicherheitsanforderungen
genügen, wie sie auch Banken und Geheimdiensten gut anstehen.
In einem 300 Seiten dicken Maßnahmenkatalog hatte das zuständige
BSI detailliert ausgeführt, welche Vorkehrungen zu treffen
seien. Bei der Behörde war man, so ein Mitarbeiter, "selbst
ganz gespannt", wie die Industrie manche Auflagen erfüllen
werde. Kurz vor Weihnachten traf sich die Creme der deutschen
Kommunikations- und Sicherheitsbranche bei einer öffentlichen
Anhörung, um dem BSI die Leviten zu lesen. Nun erscheint
eine stark gekürzte, allgemeiner gehaltene Fassung. Der alte
Katalog wird bald unverbindlich als Buch herausgegeben.
Bis dahin aber hat die Deutsche Telekom vor allen anderen wahrscheinlich
schon die Genehmigung für eine gesetzeskonforme Zertifizierungsstelle.
Vielleicht noch in diesem Frühjahr wird man seine digitale
Identität aus einem Telekom-Laden auf einer Sicherheits-Chipkarte
nach Hause tragen können. Sogar signaturgesetz-konforme "Kryptographie
für die Massen" könnte dank eines Abkommens der
Telekom mit Microsoft bald ins Haus stehen. Der Software-Gigant
wird seine Standard-Produkte, so auch die Internet-Software, mit
einer Schnittstelle zum Signaturkarten-Leser der Telekom versehen.
PGP selbst allerdings wird diese Hürde wohl nie überwinden:
Die Software speichert ihre geheimen Schlüssel, gesetzeswidrig
unsicher, auch weiterhin schlicht auf der heimischen Festplatte.
"Für viele Privatnutzer wird es ausreichen, wenn sie
auf Softwarelösungen wie PGP vertrauen, die dem deutschen
Gesetz nicht genügen", sagt Helmut Reimer, Geschäftsführer
des "Teletrust"-Vereins einschlägiger Branchen-Firmen
- so wie es selbst viele Banken und Kreditkartenfirmen tun, die
beim Bezahlen im Netz auf die besonders sicheren Chipkarten der
Einfachheit halber noch verzichten. Beim neuen deutschen Homebanking-Standard
HBCI etwa, der Konto-Führung, Überweisungsaufträge
und sogar Kreditvergaben via Netz regelt, sind Karten mit digitaler
Signatur hingegen vorgesehen - vorerst freilich nicht nach dem
Signaturgesetz.
Das Hin und Her von neuem Cyber-Geld, traditionellen Kredikarten-Nummern
und schlichten Bestellaufträgen soll im letzten Jahr bereits
acht Milliarden Dollar durchs Internet verschoben haben. Der neue
Markt, der in fünf Jahren bereits über 300 Milliarden
Dollar wert sein mag, hat garantiert hackerdichter Krypto-Technik
einen zusätzlichen Schub gegeben. Für Deutschland wurde
das Netzgeschäft sogar zum Standortfaktor: "Wir haben
von der US-Politik profitiert", sagt etwa Malte Borcherding,
"Produktmanager Security" beim Softwarehauses BROKAT,
dessen Umsatz von weniger als drei Millionen innerhalb eines Jahres
auf zehn Millionen Mark hochschoß und dessen Mitarbeiterzahl
sich von ganzen 14 Anfang 1996 auf inzwischen 200 aufblähte.
"Deutsche Banken wollen sich nicht auf eine US-kontrollierte
Kryptotechnik verlassen."
Der neue Star unter den Netzkommerz-Firmen hat den schwachen 40-Bit-Schutz
der US-Browser Microsoft und Netscape einfach ausgetrickst und
mit der Netz-Programmiersprache Java eine 128-Bit-Schnittstelle
für Finanztransaktionen entwickelt. Das kleine Programm,
wird erst kurz vor einer Transaktion übertragen und ist auf
den fest eingebaute Krypto-Algorithmen gar nicht angewiesen. So
gewann BROKAT etwa die "Bank 24", die Deutsche Bank
und einige hundert weitere Kreditinstitute, den Online-Dienst
AOL oder den großen Internet-Anbieter Metronet als Kunden.
Weil sogar eine US-Großbank Interesse angemeldet hat, mußte
sich die schwäbische Firma in den USA eigens eine 128-Bit-Exportlizenz
besorgen - sonst hätte das kleine Java-Programm von den USA
aus nicht auf Browser im Ausland zurücküberspielt werden
dürfen.
Für den eigentlichen Netzeinkauf gibt es inzwischen, ganz
wie im richtigen Leben, viele verschiedene elektronische Zahlungsmittel,
die allesamt auf einem komplexen Konzert von Krypto-Algorithmen
beruhen. Bei Kreditkartenzahlungen, die sich für größere
Anschaffungen eignen, wird zukünftig das sogenannte SET-Protokoll
der Plastikgeld-Riesen Visa und Mastercard die Partitur liefern:
Digitale Signaturen von Händler, Kunde und Bank kommen dabei
ebenso zum Einsatz wie elektronische Umschläge, die vor der
Bank die georderte Ware und vor dem Händler die eigentliche
Zahlungsanweisung verbergen. Im Laufe des Jahres wird sich der
Standard wohl auch in Deutschland flächendeckend durchsetzen.
Dresdner Bank und Sachsen LB erproben derweil zusammen mit dem
US-Unternehmen Cybercash neben Kreditkarten-Zahlungen und dem
elektronischen Äquivalent zur signierten Einzugsermächtigung
auch eine der vielleicht zwei Dutzend weltweit existierenden Netzgeld-Versionen.
Dank Cybercashs "Cybercoin" tröpfeln kleine Beträge
für Datenbank-Abfragen, Online-Spiele oder Zeitungsartikel
ohne größeren Buchungsaufwand ins Netz.
Den internationalen Star unter den Netz-Bankiers hat allerdings
die Deutsche Bank unter Vertrag: Die holländische Firma Digicash
des Kryptologen David Chaum kommt mit ihrer Währung "Ecash",
die gleichzeitig Fälschungssicherheit und absolute Anonymität
des bezahlenden Kunden garantiert, der Idee von echtem Bargeld
wohl am nächsten.
Das Leben einer Ecash-Münze beginnt als zufällig erzeugte
Seriennummer auf dem Computer des Kunden. Dieser "Münzrohling"
wird in einem elektronischen Umschlag der Bank geschickt, die
ihren Stempel aufprägt. Dank Chaums Patent der "blinden
Signatur" drückt sich dieser Stempel auf die Münze
durch. Nach Entfernen des Umschlags kann der Kunde seine frisch
geprägte Münze ausgeben. Wenn die Seriennummer irgendwann
zur Bank zurückkommt, prüft das Kreditunternehmen anhand
seines Bestätigungs-Stempels die Echtheit. Weil es die Seriennummer
nie gesehen hat, ist, ganz wie bei echtem Geld, nicht nachvollziehbar,
von wem die Münze kommt - dafür aber, ob sie schon einmal
ausgegeben wurde. Chaums Krypto-Kröten, die nach einem gerade
auslaufenden Pilot-Versuch mit 1500 Kunden bald allgemein zum
Einsatz kommen sollen, lassen sich sogar per E-Mail an andere
Ecash-Nutzer verschicken.
Projekte mit selbstkryptiertem Schein-Geld verfolgt die Deutsche
Bundesbank allerdings besonders aufmerksam. Sie fürchtet,
daß eines Tages allzu virtuelle Währungen entstehen,
die durch nichts mehr gedeckt sind.
So bringt die Schlüssel-Wissenschaft fürs Netz, die Kryptologie, einige neue Gefahren: Sie schützt Drogendealer,
vereitelt die Arbeit von Geheimdiensten und kann sogar unser Wirtschaftsgefüge
unterhöhlen. Die größte Gefahr aber wird bald
von jenen Netznutzern ausgehen, die meinen, nichts zu verbergen
zu haben - und auf Krypto-Technik verzichten. So wie der Physiker P., in dessen
Post auch das Paßwort für den zentralen Großrechner einer
führenden deutschen Forschungseinrichtung zu finden war.
Jochen Wegner
|